Leseprobe Band zwei

Das Buch lag off en auf der dunklen Schreibtischplatte. Das alte Papier hatte einen matten Elfenbeinton – ähnlich der Farbe alter Knochen. Die Seiten waren mit Symbolen übersät. Manche kannte sie von den Alchemisten, andere waren ihr unbekannt. Die gewundenen Linien und dunklen, gebogenen Pfeile wirkten zugleich vertraut und gefährlich fremd. Wie ein alter Feind, dem man unerwartet wieder gegenübersteht.

»Was soll ich tun?« Sie hörte die Unsicherheit in ihrer Stimme. »Hinter diesen Symbolen verbirgt sich eine Botschaft «, erläuterte der Professor. »Ich werde Ihnen erklären, was Sie sagen müssen. Das Buch wird Sie von ganz allein erkennen. Und der Dämon auch, nehme ich mal schwer an.«

Er sagte ihr einen Satz vor, den sie immer und immer wiederholen musste, bis sie ihn auswendig konnte. Dann trat er zurück. »Wenn Sie bereit sind.«

Taylors Magen zog sich zusammen, als sie nach dem Buch tastete. Wenn’s nach ihr gegangen wäre, hätte sie gern darauf verzichtet und mit all dem nie wieder was zu tun gehabt. Doch es blieb ihr nichts anderes übrig. Wie am Abend zuvor konnte sie es wahrnehmen, ehe ihre Finger das Buch berührten. Es hatte seine eigene Schwerkraft , die sie unwiderstehlich anzog. Während sich ihre Hand dem Papier näherte, strich plötzlich ein eisiger Wind über ihren Nacken.

»Jetzt!«, rief Zeitinger. Über das Geräusch des Windes hinweg rief sie: »Lord Abaddon, ich, Taylor Montclair, Nachfahrin von Isabelle, bitte demütig um Einlass. Erhört mich.« Sie berührte die Seiten. Alle Luft schien aus ihrer Lunge zu weichen. Zeitingers Arbeitszimmer verschwand, und sie stürzte in einen Abgrund. Hals über Kopf taumelte sie ins Leere. Sie sah und spürte nichts, außer der Luft , die im Fallen an ihr vorüberstrich. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Laut heraus. Suchte nach Halt, doch ihre Hände griff en ins Nichts.

Dann … plötzlich endete der Fall, und sie war von Finsternis umgeben. Die Zeit hatte aufgehört zu existieren. Absolute Stille. Zeitinger und sein Zimmer waren Ewigkeiten entfernt. Sie war völlig allein. Nicht mal ihr eigenes Atmen hörte sie. Sie fiel weder, noch stand sie. Sie war nirgends. Sie war nichts. Ein schreckliches Gefühl der Einsamkeit überkam sie. Isolation und Leid. Unaussprechliche Todesqualen bemächtigten sich ihrer. Und ein nach Rache dürstender, todbringender Zorn. Jedes negative Gefühl, das sie je verspürt hatte, verschlimmerte sich ins Unermessliche. Sie fühlte Hass. Sie wollte töten. Und doch waren es nicht ihre eigenen Gefühle. Sie gehörten einem anderen. Dem Dämon. Sie versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, wer sie war und woran sie glaubte, doch die reale Welt schien zu fern, um real zu sein. Das hier war real. Dieser Hass.

Sie wusste nicht, wie lange sie in diesem Zustand verharrte – ein ganzes Leben, so kam es ihr vor –, als plötzlich eine Stimme ertönte. »Tochter von Isabelle Montclair. Du wagst es, mich anzurufen?« Eine tiefe, dumpfe Stimme, die von allen Seiten gleichzeitig zu kommen schien. Aus allem. Taylor wusste, wem sie gehörte. »Ja«, antwortete sie, zuversichtlich und zugleich überschäumend vor Wut. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb. Es war, als spräche ein anderer durch sie. »Was suchst du?« »Absolute Macht.« Sie antwortete ohne Zögern, doch warum ausgerechnet das, hätte sie nicht erklären können. Der Professor hatte ihr keine Anweisungen gegeben für den Fall, dass man sie fragte. Und doch war es die Wahrheit. Es dürstete sie nach Macht. Das Verlangen danach war grenzenlos. »Aus welchem Grund?«, fragte die Stimme. Wieder war die Antwort einfach da. »Rache.« »An wem?« Die Stimme des Dämons war so emotionslos wie ihre eigene. »An jenen, die Sacha Winters Schaden zufügen wollen.« Irgendwie ahnte sie, dass der Dämon das nicht gerne hörte. Und sie sollte recht behalten. Ein ohrenbetäubendes Gebrüll erschallte, er tobte. Sie wollte zurückweichen, doch nirgends gab es ein Versteck. »Sacha Winters gehört mir! Es ist dir verboten, ihn zu retten.« So gern hätte sie nichts erwidert, sehnte sich danach, hier wegzukommen. Doch die Worte kamen von allein, kühl und klar.

»Und doch werde ich es. Ich werde den vernichten, der versucht, ihm etwas anzutun. Hört meine Worte, Abaddon. Ihr werdet ihn niemals bekommen.« Wieder umhüllte sie dieses ohrenbetäubende Toben. »Lügen! « Die Worte waren scharf wie Rasiermesser. »Du willst es mit den Dunklen Künsten aufnehmen, Tochter von Isabelle? Du wagst es, mein Reich zu betreten und mich herauszufordern?« Taylors ganzer Körper wurde von Todesangst gepackt. Sie war zu weit gegangen. Warum nur hatte sie all das gesagt? Warum geschah das alles? Wieso konnte sie sich nicht zurückhalten? Doch Vernunft und Besonnenheit waren verstummt, was blieb, war einzig und allein diese unbändige Wut. Wieder hörte sie ihre eigene Stimme. Aus ihr sprach keine Furcht. »Wisset, Abaddon, dass ich die Wahrheit spreche.« Off enbar hatte sie den Bogen überspannt. Aus der Dunkelheit heraus griff etwas nach ihrem Arm, Krallen gruben sich in Haut und Fleisch ihrer linken Hand und rissen an ihr. Es brannte wie Feuer. Sie schrie auf und versuchte, sich aus dem unsichtbaren Griff zu befreien, doch sie konnte sich nicht rühren. Sie war wie erstarrt.

»Ich habe mein Zeichen auf deiner Hand hinterlassen«, sagte die Stimme. »Vergiss nicht: Fordere mich heraus, und du wirst sterben.« Taylor wehrte sich mit aller Kraft , doch sie konnte weder atmen noch denken. Da plötzlich ohrfeigte sie jemand, und sie stürzte wieder in Finsternis hinab. »Fräulein Montclair!« Zeitinger. Mit einem Mal fror sie nicht mehr. Unter sich spürte sie eine harte Fläche. Die Luft war warm. Am ganzen Körper zitternd, zwang sie sich, die Augen zu öffnen.

Die goldene Nachmittagssonne schien durchs Fenster, und sie musste blinzeln. Sie lag auf dem Boden in Zeitingers Arbeitszimmer, über sich das besorgte Gesicht des Professors. Wie von der Tarantel gestochen, robbte Taylor zurück, bis sie mit dem Rücken gegen das Sofa stieß. »Wo ist er?«, fragte sie und blickte sich panisch im Zimmer um. »Wo ist diese Stimme?« »Du bist in Sicherheit«, versuchte Zeitinger, sie zu beruhigen. »Hier kann er dich nicht erreichen, das verspreche ich. Sag mir, was du erlebt hast.« Erst stotternd, dann immer flüssiger erzählte sie ihm alles, woran sie sich erinnern konnte. Das Fallen. Die Finsternis. Der eigenartige Zorn. Das Gefühl, besessen zu sein. Leid. Dann erst bemerkte sie das Brennen an ihrer linken Hand. Sie sah hinunter – und rang nach Luft. Auf dem Handrücken klafft en drei frische Schnitte. Blut rann ihr über die Finger. Als hätte ein Tier seine Pranke in ihr Fleisch geschlagen. »Mein Gott«, wisperte sie. »Er hat gesagt, er würde ein Zeichen auf mir hinterlassen. Es ist wahr.« »Absolut wahr, fürchte ich.«

Während sie dasaß und ungläubig auf ihre verletzte Hand starrte, verließ Zeitinger den Raum und kam gleich darauf mit Verbandszeug wieder. Er kniete sich neben sie, desinfizierte ihre Wunde und verband sie mit einer sauberen weißen Mullbinde. Apathisch saß Taylor da und ließ ihn gewähren. Sie war überwältigt. Wie aus weiter Ferne registrierte sie, dass das Buch noch immer auf dem Tisch lag, allerdings zugeklappt. Doch selbst der Einband schien vor Bosheit zu pulsieren. Als ihr nach und nach wieder einfiel, was sie während der Unterhaltung mit dem Dämon empfunden hatte – dieses unbändige Verlangen nach Macht, der totale Verlust ihrer moralischen Werte, der tobende Böse Geist, der von ihr Besitz ergriff –, fühlte sie sich verloren. »Professor«, sagte sie leise, »was genau ist mit mir geschehen? Als ich mit diesem … Dämon sprach, da habe ich Sachen gesagt, die ich selbst kaum glauben kann. Das … das war nicht ich.« Zeitinger schien keineswegs überrascht. »Genau wie ich es vorhergesehen habe. Der Dämon kennt Sie. Es gibt eine Verbindung.« Er rappelte sich auf. »Bitte.« Er bedeutete Taylor, sich aufs Sofa zu setzen. »Erzählen Sie mir noch einmal, was er gesagt hat. Lassen Sie nichts aus.« Wieder und wieder gingen sie Taylors Erlebnisse durch, Zeitinger an seinem Schreibtisch, wo er sich anfangs Notizen machte und irgendwann, die Pfeife vergessen in der Hand, nur noch dasaß und zuhörte; Taylor auf dem Sofa, die karierte Wolldecke an die Brust gedrückt, im Versuch, sich an jedes Detail zu erinnern. Als er schließlich zufrieden war, war die Sonne bereits untergegangen.

»Ich kann mir diese Gefühle einfach nicht erklären. Egal, wie lange ich auch darüber nachdenke. Oder was ich gesagt habe.« Taylor umfasste ihre verletzte Hand. »Was Sie dort empfunden haben – Macht, Zorn –, ist jetzt in Ihnen «, erklärte der Professor ihr liebenswürdig. »In uns allen. Wir alle sind eine Mischung aus Gut und Böse. Der Dämon hat den Zorn in Ihnen aufgespürt und zu sich gezogen. Sie waren in seinem Reich. Dort, wo die Finsternis herrscht.« Er ließ seine Pfeife sinken. »In der Hölle dürfen Sie keinen Regenbogen erwarten, Fräulein Montclair. So etwas gibt es dort nicht.« Sie hob ihren linken Arm. »Er hat sein Zeichen auf mir hinterlassen. Was bedeutet das?« Zeitinger zögerte. »Es bedeutet, dass er Sie sehr ernst nimmt. Er möchte Sie leichter erkennen, wo immer Sie ihm wiederbegegnen. Und die anderen sollen wissen, dass Sie ihm gehören.« »Aber ich …«, versuchte Taylor einzuwenden, doch der Professor ließ sie nicht zu Wort kommen. »Das Wichtige ist jetzt zunächst einmal, dass das Experiment gelungen ist«, wechselte er das Thema. »Ich weiß jetzt, wie wir Mortimer Pierce bekämpfen können. Als Erstes brauchen wir den Jungen.« Sie runzelte die Stirn. »Sacha?« »Bitte.« Zeitingers Brille funkelte. »Holen Sie ihn her. Und sagen Sie ihm, er soll das Buch mit seiner Familiengeschichte mitbringen. Er wird schon wissen, wovon ich spreche.« »Was hat das Buch damit zu tun?«, fragte Taylor verwirrt. Doch Zeitinger machte nur eine ungeduldige Geste. »Holen Sie den Jungen, dann kläre ich Sie auf.«

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